Jedes Kapitel der Beatles-Geschichte beginnt in Liverpool. Doch das Kapitel, das am meisten zählte — das, in dem aus einer vielversprechenden Beatband ein formidabler Live-Act wurde — wurde in Hamburg geschrieben. Zwischen August 1960 und Januar 1963 absolvierten die Beatles fünf Engagements in der westdeutschen Hafenstadt und sammelten schätzungsweise 1.200 Stunden Live-Erfahrung in einer Handvoll Clubs auf einem einzigen Abschnitt des Reeperbahn-Viertels. Der Mann, der im Mittelpunkt dieser Welt stand, der den Maßstab setzte für das, was ein britischer Rockmusiker in Hamburg sein konnte, war Tony Sheridan.
Der Reeperbahn-Circuit
Hamburgs Unterhaltungsviertel hatte in den Nachkriegsjahren einen besonderen Hunger nach Live-Musik entwickelt. Die Reeperbahn und ihre Seitenstraßen — allen voran die Große Freiheit, eine schmale Gasse quer zur Hauptstraße — beherbergten eine dichte Konzentration an Clubs, Bars und Venues, die bis tief in die Nacht geöffnet waren und von ihren Hausacts stundenlange Auftritte erwarteten. Für britische Musiker war das eine einzigartige Gelegenheit: fester Lohn, Unterkunft und jene unerbittliche Bühnenzeit, die der spärlich bespielte britische Ballsaal- und Jugendklub-Circuit einfach nicht bieten konnte.
Tony Sheridan kam 1960 nach Hamburg als einer der ersten britischen Acts, der sich dort eine echte Anhängerschaft aufbaute. Seine Auftritte im Kaiserkeller (Große Freiheit 36) zogen ein Publikum an, das seine technische Beherrschung und Bühnenpräsenz schätzte — Qualitäten, die ihn deutlich von den gesitteteren britischen Popacts der Zeit unterschieden. Als die Beatles im August 1960 zu ihrem ersten Hamburger Engagement ankamen, war Sheridan bereits der etablierte Star der Großen Freiheit.
Die ersten Engagements der Beatles
Das erste Hamburger Engagement der Beatles wurde von ihrem damaligen Manager Allan Williams organisiert, der eine Buchung im Indra Club von Bruno Koschmider arrangiert hatte — einem kleinen Kellerlokal am unteren Ende der Großen Freiheit. Die Gruppe bestand aus John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Stuart Sutcliffe und Schlagzeuger Pete Best. Sie waren jung, als Live-Act relativ unerfahren und auf die Bedingungen, die sie vorfinden würden, völlig unvorbereitet: Sets von vier bis sechs Stunden pro Nacht, sieben Tage die Woche, für ein Publikum, das keine Geduld für Zögerlichkeit oder Routine hatte.
Die Clubs, in denen sie auftraten, waren laut, verrauchert und unbarmherzig. Das Publikum — eine Mischung aus deutschen Arbeitern, Seemännern und der aufkommenden jungen Exis-Szene rund um Fotografinnen wie Astrid Kirchherr und Klaus Voormann — erwartete Energie, Lautstärke und Abwechslung. Die Beatles reagierten, indem sie länger, härter und einfallsreicher spielten, als sie es je in der Heimat getan hatten. Innerhalb von Wochen waren sie eine andere Band als die, die Liverpool verlassen hatte.
Lernen von Tony Sheridan
Die Beatles wechselten im Oktober 1960 in den größeren Kaiserkeller und teilten ein Engagement mit Rory Storm and the Hurricanes — dessen Schlagzeuger Ringo Starr später zu ihnen stoßen sollte. Hier wurde ihre Nähe zu Tony Sheridan am prägendsten. Sheridan trat im Kaiserkeller mit einer Professionalität und Autorität auf, der die Liverpooler Gruppe aus solcher Nähe noch nie begegnet war. Er war nach übereinstimmenden Berichten der fähigste Gitarrist, den die meisten von ihnen je live gesehen hatten.
„Er machte Dinge auf der Gitarre, die keiner von uns noch rausgekriegt hatte. Er hatte die Bewegungen und den Sound vollständig im Griff."
— Erinnerung eines Hamburger Zeitgenossen, Interview ca. 2000
Der inoffizielle Spitzname „The Teacher" — Sheridan in mehreren rückblickenden Berichten über die Hamburger Zeit zugeschrieben — spiegelt die Ehrerbietung wider, die die Gruppe ihm entgegenbrachte. Ob Sheridan die Beatles aktiv unterrichtete oder nicht: die Wirkung, Nacht für Nacht mit ihm auf einer Bühne zu stehen, war messbar — ihr Spiel wurde straffer, ihr Selbstbewusstsein wuchs, und ihre Bühnenpräsenz gewann eine Dimension, die in Fotos und Filmaufnahmen aus dieser Zeit sichtbar ist. → Was lernten die Beatles von Sheridan?
Der Top Ten Club und der Weg ins Studio
Anfang 1961 — nach einer Abschiebung, die George Harrison und Paul McCartney vorübergehend des Landes verwiesen hatte (Harrison wegen Minderjährigkeit, McCartney und Pete Best wegen eines Brandstiftungsvorwurfs) — kehrten die Beatles für ein zweites Engagement nach Hamburg zurück, diesmal im Top Ten Club auf der Hauptreeperbahn. Stuart Sutcliffe entschied sich, dauerhaft mit Astrid Kirchherr in Hamburg zu bleiben, und reduzierte die Gruppe auf ein Quartett.
Im Top Ten Club traten die Beatles und Tony Sheridan häufiger gemeinsam auf als in jedem früheren Venue. Sheridan lud sie oft ein, ihn bei bestimmten Songs zu begleiten. Aus diesem Kontext heraus entstand die Aufnahmesession vom Juni 1961 in der Friedrich-Ebert-Halle — produziert von Bert Kaempfert —, bei der die Single „My Bonnie" entstand, die die Ereignisse in Gang setzen sollte, die zum ersten Plattenvertrag der Beatles führten.
Die Star-Club-Ära
Der Star-Club, der im April 1962 in der Großen Freiheit 39 eröffnete, war der Höhepunkt der Hamburger Beatszene. Betrieben von Manfred Weissleder, war er größer, besser ausgestattet und ambitionierter als seine Vorgänger. Das Eröffnungsprogramm umfasste sowohl die Beatles als auch Tony Sheridan — inzwischen die beiden bekanntesten britischen Acts in Hamburg.
Als die Beatles im Dezember 1962 zu ihrem letzten Star-Club-Engagement nach Hamburg zurückkehrten, waren sie bereits bei Parlophone unter Vertrag und standen kurz vor ihrem Durchbruch mit „Love Me Do." Der Kontrast zu der rohen Gruppe, die im August 1960 zum ersten Mal angekommen war, war frappierend. Hamburg hatte seine Arbeit getan. Tony Sheridan, der bei nahezu jeder Etappe dieser Ausbildung dabei gewesen war, blieb in der Stadt, die ihn ebenso geprägt hatte wie sie — auch wenn die Wege, die folgen sollten, nicht unterschiedlicher hätten sein können.
Hamburgs bleibender Stempel
Die Hamburger Jahre werden von Beatles-Forschern regelmäßig als die wichtigste prägende Erfahrung in der Entwicklung der Gruppe als Musiker und Performer bezeichnet. Das schiere Volumen an Live-Auftritten — unter normalen britischen Bedingungen kaum zu erreichen — gab ihnen eine Vielseitigkeit und Ausdauer, die sie von jeder anderen Act ihrer Generation abhob. Ebenso wichtig war das Umfeld selbst: die fordernden Zuschauer, die langen Nächte, die geteilten Bühnen mit Musikern wie Tony Sheridan und die Begegnung mit amerikanischem Rock’n’Roll in seiner rohsten, ungefilterten Form.
Für Tony Sheridan war Hamburg Heimat und kein Sprungbrett. Er blieb dort für den Rest seines Lebens und trat noch lange auf, nachdem der Status der Stadt als Rockmusik-Brutstätte dem Ruf als Beatles-Pilgerort gewichen war. Seine Verbindung zu dieser Geschichte ist untrennbar von der der Beatles selbst — der Mann, der zuerst da war, der definierte, was ein britischer Rockmusiker in Hamburg sein konnte, und der der berühmtesten Band der Welt ihre erste kommerzielle Aufnahme bescherte.