Am 22. Juni 1961 betrat Tony Sheridan die Friedrich-Ebert-Halle im Hamburger Vorort Harburg — eine Konzerthalle, die vorübergehend als Tonstudio umfunktioniert worden war — und nahm eine Version von „My Bonnie Lies Over the Ocean" auf, die zu einer der folgenreichsten Aufnahmen der Popmusikgeschichte werden sollte. Hinter ihm spielten, mit einer aus Hunderten von Hamburger Clubabenden gewachsenen Präzision und Energie, John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Pete Best: die Gruppe, die in Deutschland als The Beat Brothers bekannt war und der Welt wenige Jahre später schlicht als The Beatles bekannt werden sollte.
Bert Kaempfert und die Polydor-Sessions
Die Aufnahmesession wurde von Bert Kaempfert organisiert, einem Produzenten und Arrangeur der deutschen Polydor-Tochter, der bereits als Musiker erfolgreich war — seine Orchesterversion von „Wonderland by Night" hatte Anfang 1961 in den USA Platz eins erreicht. Kaempfert hatte Tony Sheridan im Top Ten Club auftreten hören und erkannte in ihm jene rohe Rock’n’Roll-Energie, die sich in Westdeutschland kommerziell bewährt hatte. Er schlug eine Aufnahmesession vor; Sheridan stimmte zu und brachte seine damalige Begleitband mit.
Die Session fand über zwei Tage statt, am 22. und 23. Juni 1961. Insgesamt wurden sechs Titel aufgenommen: „My Bonnie Lies Over the Ocean", „The Saints (When the Saints Go Marching In)", „Why (Can't You Love Me Again)", „Nobody's Child", „Take Out Some Insurance on Me, Baby" und „Skinny Minny". Die Beatles nahmen außerdem zwei eigene Titel auf: „Ain't She Sweet" (gesungen von Lennon) und das Instrumental „Cry for a Shadow" — ein Beatles-Original, das zur ersten kommerziell veröffentlichten Komposition von Lennon und Harrison wurde.
„My Bonnie" bot der Welt ihre erste kommerziell erhältliche Begegnung mit der Gruppe, die die Popmusik innerhalb von zwei Jahren neu definieren sollte. Die Platte erschien ohne großes Aufsehen.
Die Platte und ihre Rezeption
„My Bonnie / The Saints" wurde als Single von Polydor im Herbst 1961 in Deutschland veröffentlicht, unter dem Namen „Tony Sheridan und die Beat Brothers". In den deutschen Charts schlug sie sich ordentlich — gut genug, um weitere Sessions mit Sheridan anzuregen — fand aber in Großbritannien oder international kaum Beachtung. Die Beatles, noch als The Beat Brothers bezeichnet, waren eine anonyme Begleitband auf einer mäßig erfolgreichen europäischen Single.
Die weitreichende Wirkung der Platte wurde erst durch eine Ereigniskette sichtbar, die sich in Liverpool im Oktober und November 1961 entfaltete. Ein Teenager namens Raymond Jones betrat NEMS, ein Schallplattengeschäft in der Whitechapel Street, das Brian Epstein gehörte, und fragte nach „My Bonnie" von den Beatles. Epstein — der stolz darauf war, jede gewünschte Platte beschaffen zu können — stellte fest, dass er die Gruppe nicht kannte. Seine darauffolgende Nachforschung führte ihn zum Cavern Club, zu einem Mittagsauftritt der Beatles, und schließlich zu einem Managementvertrag, den er im Januar 1962 mit ihnen unterzeichnete. → Wie führte die Platte zum Plattenvertrag?
Die Ereigniskette
Die genaue Abfolge, die folgte, ist in der Beatles-Forschung gut dokumentiert. Epstein, entschlossen, einen Plattenvertrag für die Gruppe zu sichern, wandte sich an Decca Records in London, die sie im Januar 1962 bekanntlich ablehnten. Dann wandte er sich an EMI, konkret an George Martin bei Parlophone, der bereit war, die Gruppe im Juni 1962 vorzuhören. Den Rest — den Parlophone-Vertrag, „Love Me Do", die globale Explosion der Beatlemania — kennt die Musikgeschichte.
Nichts davon geschieht, in einer direkten Ursachenkette, ohne „My Bonnie". Es war die Platte, die die Beatles Epsteins Aufmerksamkeit verschaffte. Es war die Platte, die zeigte, dass sie in der Lage waren, etwas kommerziell Veröffentlichbares aufzunehmen. Und es war die Platte, die in einem professionellen Tonstudio das früheste verfügbare Audiodokument der Beatles bei einem gemeinsamen Auftritt bewahrt hat.
Warum „The Beat Brothers"?
Die Entscheidung, die Gruppe auf der deutschen Originalveröffentlichung als „The Beat Brothers" statt als „The Beatles" zu bezeichnen, hat unter Historikern einige Diskussionen ausgelöst. Die am häufigsten genannte Erklärung ist, dass die deutsche Verlagsabteilung von Polydor den Namen „Beatles" ablehnte, weil er zu sehr nach „Peedles", einem deutschen Slangausdruck, klang. Andere Berichte legen nahe, dass es einfach eine kommerzielle Entscheidung von Kaempfert oder dem Label war, der Platte einen generisch ansprechenderen Gruppenname zu geben. Was auch immer der Grund war: der Beitrag der Beatles zur Platte war zur Zeit ihrer Veröffentlichung faktisch verborgen. → Warum hießen sie Beat Brothers?
Die Platte wurde 1963 in Großbritannien von Polydor UK neu veröffentlicht — zu diesem Zeitpunkt war die Beatlemania bereits voll entbrannt — und diesmal korrekt „Tony Sheridan and the Beatles" zugeschrieben. Sie erreichte Platz 48 in den britischen Charts, eine bescheidene Platzierung, die dennoch die kommerzielle Zugkraft des Beatles-Namens demonstrierte.
„Cry for a Shadow" und die eigene Session der Beatles
Neben „My Bonnie" selbst produzierte die Session vom Juni 1961 zwei Titel, die die Beatles unabhängig von Sheridan aufnahmen: John Lennons Gesang auf „Ain't She Sweet" und das Instrumental „Cry for a Shadow", ein Stück, das George Harrison und John Lennon gemeinsam zugeschrieben wird. „Cry for a Shadow" war eine Persiflage auf den Instrumental-Stil der Shadows — dem dominanten Sound im britischen Pop der Zeit — und trägt die Auszeichnung, die erste Lennon-Harrison-Komposition zu sein, die kommerziell veröffentlicht wurde.
Diese Titel wurden in Westdeutschland bei Polydor veröffentlicht und stellen zusammen mit „My Bonnie" den gesamten Umfang des aufgezeichneten Outputs der Beatles aus ihrer Hamburger Zeit unter einem professionellen Plattenvertrag dar. Sie dokumentieren eine Gruppe, die technisch versiert, aber noch auf der Suche nach dem Sound war, der sie definieren sollte.
Tony Sheridans Rolle in der Aufnahme
Tony Sheridans eigene Leistung auf „My Bonnie" wird in der historischen Literatur häufig von der Bedeutung seiner Begleitband in den Schatten gestellt. Das ist in gewissem Sinne verständlich — die Geschichte der Beatles ist schlicht eine überzeugendere Erzählung als die Geschichte des auf der Platte genannten Hauptkünstlers. Aber Sheridans Gesangs- und Gitarrenarbeit auf dem Track sind versiert und selbstbewusst, und die Aufnahme vermittelt genau jene energiegeladene Rock’n’Roll-Darbietung, die ihn zum gefragtesten britischen Act auf dem Hamburger Circuit gemacht hatte.
Für Sheridan war „My Bonnie" ein Karrieremoment — eine professionelle Studioaufnahme für ein großes europäisches Label —, der sich nicht in den Mainstream-Durchbruch übersetzte, den sein Talent möglicherweise verdient hätte. Dieselbe Platte, die die Beatles auf den Weg zu weltweitem Ruhm brachte, ließ Sheridan weitgehend dort, wo er gewesen war: ein respektierter Performer mit einer treuen deutschen Anhängerschaft und ein begabter Gitarrist, der die internationale Anerkennung, die sein Hamburger Ruf vermuten ließ, nie ganz erreichte.